von captain am 18.09.2026, 17:11
Hallo Rasputin,
da hast du mich tatsächlich an einem Punkt erwischt, an dem ich inzwischen ziemlich deutlich sagen muss: Du hattest recht.
Ich habe mich bei den Temperatur- und Feuchtewerten zu sehr von dem großen allgemeinen Schnecken-Mischmasch aus Internet, Büchern und Tabellen leiten lassen. Und da wird leider sehr viel über „Schnecken“ geschrieben, obwohl eine norddeutsche Helix pomatia eben keine afrikanische Riesenschnecke mit Häuschen ist.
Unsere Weinbergschnecken hier oben sind eher Wikinger.
22 Grad sind also nicht dramatisch, aber für so einen norddeutschen Wikinger eben schon fast Strandurlaub.
Dein Hinweis hat bei mir deshalb nicht nur ein zustimmendes Nicken ausgelöst, sondern ziemlich unmittelbar eine kleine Software-Revolution. Habitat 2 und Habitat W haben inzwischen korrigierte Klima- und Feuchteziele bekommen. Auch bei der Bodenfeuchtigkeit bin ich deutlich heruntergegangen – weg von den früheren sehr hohen Werten und hin zu einer wesentlich trockeneren, plausibleren Basis. Da muss ich ganz klar sagen: Danke für den Schubs in die richtige Richtung.
Die Luftfeuchtigkeit ist dabei der schwierigere Kandidat, weil das Habitat natürlich keine eigene Wettergrenze zur Zimmerluft besitzt. Was draußen im Raum an Feuchtigkeit herrscht, will irgendwann auch hinein.
Genau deshalb ist aus der geplanten Kühlung von Habitat W inzwischen eigentlich eine winzige Klimaanlage geworden.
Kühlen und gleichzeitig Feuchtigkeit beherrschen.
Natürlich in einer Baugröße, bei der jeder vernünftige Mensch vermutlich sagen würde: „Kauf doch einfach einen Keller.“
Habe ich aber nicht.
Und überhaupt: Was sollen meine Schnecken im Keller?
Also baut der alte Kapitän eben eine Mini-Klimaanlage.
Habitat W ist mittlerweile ohnehin gefühlt hundert Jahre technische Evolution von Habitat 2 entfernt. Das kleine Ding läuft inzwischen unglaublich stabil und ist konsequent als Fünf-Sterne-Winterkurort gebaut worden: extra weicher und tiefer Boden zum Buddeln, Kork-Krabbelwand, Unterzüge zum Dranhängen, freischwingende Terrasse und sogar eine kleine hängende Badewanne für den feuchten Zwischenstopp.
Wenn eine Schnecke sich tief eingraben möchte, darf sie die Tunnelvortriebsmaschine anwerfen.
Wenn sie lieber irgendwo kleben möchte: bitte schön.
Wenn sie unter der Terrasse schlafen will: auch gut.
Ich bin nur der Architekt. Die Bewohner entscheiden.
Geplant ist, die Temperatur ab etwa Mitte Oktober über eine sehr lange, weiche Kurve langsam Richtung Winter zu fahren und dort ungefähr 6 Grad stabil zu halten. Nicht heute 20 Grad und morgen Kühlschrank, sondern möglichst langsam und unauffällig.
Das Ganze ist übrigens nicht aus technischem Spieltrieb entstanden.
Mama Snail hat mir dieses Jahr ziemlich deutlich gezeigt, dass Papierwerte und Realität zwei verschiedene Dinge sein können.
Sie sitzt gerade praktisch in einer privaten Schnecken-Reha.
Salatpflaster-Teller, zweimal täglich Frischfutter, Schälchen mit Heilerde, frisches Wasser, Regenwasser, pulverisierte Eierschale, geriebene Süßkartoffel, Süßkartoffel am Stück und Löwenzahn aus eigener Zucht.
Eigentlich fehlt nur noch die kleine Glocke, mit der sie nach der Krankenschwester klingeln kann.
Wobei sie die vermutlich nicht benutzen würde.
Sie bewegt sich momentan sowieso nur dann, wenn sie es für unbedingt erforderlich hält.
Also bin ich derzeit tagsüber Techniker und nachts männliche Schneckenkrankenschwester.
Mit der einen Hand wird Mama versorgt, mit der anderen die Klimaanlage für das Winterhotel gebaut.
Dass es den anderen drei sehr gut geht, beweisen sie mir unterdessen auf ihre ganz eigene Art.
Gestern lagen schon wieder 24 neue Eier da.
Ein kleines Gelege.
Ich fürchte nur, das war wieder nicht alles.
Damit nähern wir uns inzwischen etwa 1.600 Eiern von drei Schnecken in diesem Jahr.
Ich denke also, zumindest irgendeinen Punkt muss Habitat 2 getroffen haben, bei dem die Bewohner gesagt haben:
„Hier lässt es sich leben.“
Meine Stirn bekommt bei dem Gedanken an 1.600 kleine Schnuten allerdings leichte Schweißperlen. Einfrieren kommt für mich nicht infrage, also wird betreut, aufgezogen und später – mit entsprechender Genehmigung und wenn die Tiere groß genug sind – ausgewildert.
Langweilig wird mir also nicht.
Wenn die großen Herrschaften dann irgendwann erfolgreich mit Kulleraugen ins Habitat W umziehen und sinngemäß „Hallo Wintersport!“ rufen, bekommt Habitat 2 anschließend ebenfalls seine große Hardware- und Softwarekur nach den Erfahrungen aus Habitat W.
Und deshalb noch einmal ausdrücklich:
Danke für deine Hinweise und auch für die vielen Fotos und Erfahrungen, die du hier immer wieder einstellst. Gerade bei Helix pomatia ist es unglaublich wertvoll, jemanden zu haben, der nicht einfach die nächste allgemeine Schneckentabelle zitiert, sondern aus langer Erfahrung sagen kann: „Schau da noch mal hin.“
Das habe ich getan.
Und offenbar war es höchste Zeit.
Mama soll jetzt erst einmal wieder Kraft sammeln.
Den Rest erledigen wir Schritt für Schritt.
Oder in Schneckengeschwindigkeit.