Nach dem Winter ist vor dem Winter

Alles rund um unsere einheimischen und benachbarten Schneckenarten.

Nach dem Winter ist vor dem Winter

Beitragvon captain am 18.09.2026, 15:16

Nach dem Winter ist vor dem Winter

Oder: Warum vier Weinbergschnecken jetzt ein Fünf-Sterne-Winterhotel bekommen

Einige von euch kennen vielleicht meinen älteren Beitrag „Technik im Dienste der Schnecken“ über das Habitat 2.0.

Keine Sorge: Ich werde jetzt nicht das gesamte Habitat 2 noch einmal erzählen. Dort hat sich inzwischen nämlich ebenfalls so viel getan, dass das locker ein eigenes Update füllt. Neue Korkterrassen, eine inzwischen tatsächlich bewohnte Korkhöhle, der ewige Kampf zwischen mir als Landschaftsarchitekt und vier ausgesprochen eigenwilligen Gärtnern, eine überarbeitete Elektronik und mittlerweile eine Steuerung mit einer grafischen Oberfläche, bei der der alte Arduino-Zahlenfriedhof ein bisschen neidisch werden dürfte.

Auch zwei meiner selbst entwickelten Bodensensoren haben beschlossen, dass sie nach längerer Dienstzeit gerne eine Winterrevision hätten. Und eine unterirdische Bodenkammer ist inzwischen nicht mehr ganz so wasserdicht, wie ihr Name vermuten lässt.

Aber dazu später und an anderer Stelle mehr.

Denn genau diese bevorstehende Generalrevision von Habitat 2 war einer der Gründe, warum im Sommer plötzlich ein Gedanke entstand:

Was machen eigentlich die Schnecken, während ich ihr Haus auseinandernehme?

Im Sommer ist das kein großes Drama.

Aber im Winter?

Da wollen die Herrschaften schließlich schlafen.

Und wer mich kennt, ahnt bereits, dass die Antwort nicht lautete:

„Dann kommen sie eben vorübergehend in eine Plastikbox.“

Nein.

Natürlich nicht.

Es entstand ein neues Habitat.

Ein eigenes.

Nur für den Winter.

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Erst war da ein Problem. Dann war da ein Hotel.

Habitat W war anfangs gar nicht als großes neues Projekt geplant.

Es war eher eine dieser Ideen, die ganz harmlos anfangen.

Zwei Bodensensoren in Habitat 2 haben Schluckauf.

Eine Bodenkammer braucht Revision.

Der Boden muss irgendwann teilweise geöffnet und erneuert werden.

Das kann dauern.

Und irgendwo dazwischen sitzt man abends vor dem Terrarium und denkt:

„Wenn ich das im Winter mache, wo schlafen dann eigentlich Tiny, LauYouChe, Bayoun und Mom-snail?“

Damit war es passiert.

Aus einer Übergangslösung wurde innerhalb relativ kurzer Zeit ein eigenes Winterhabitat.

Oder, wie ich inzwischen finde:

das Fünf-Sterne-Schnecken-Winterhotel.

Vier Sterne wären unangemessen gewesen.

Schließlich gibt es Moos.

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Ich bin nur der Architekt

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle etwas erklären, was mir bei meinen Habitaten wichtig ist.

Ich betrachte sie nicht wirklich als Terrarien.

Für mich sind es kleine Biosphären.

Natürlich künstlich geschaffen und selbstverständlich nicht mit der freien Natur gleichzusetzen. Aber mein Ziel ist immer, den Tieren möglichst viele natürliche Möglichkeiten anzubieten und ihnen möglichst wenig vorzuschreiben.

Ich bin dabei nur der Architekt.

Die Schnecken sind die Besitzer.

Wenn ich einen Löwenzahn einpflanze, darf er gegessen werden.

Wenn ich Klee säe, darf er gegessen werden.

Wenn ich Moos einsetze, darf darauf herumgekrochen werden.

Und wenn ich drei Stunden damit verbringe, etwas besonders dekorativ zu bepflanzen und Tiny fünf Minuten später entscheidet, dass diese Gestaltung nicht seinem persönlichen Geschmack entspricht, dann findet eben eine spontane Eigentümerversammlung statt.

Mit anschließendem Abriss.

Das gehört dazu.

Das Entscheidende ist für mich das Schneckenwohl – oder allgemeiner: Tierwohl.

Die Technik ist nicht dazu da, dass ich möglichst viele blinkende Geräte präsentieren kann.

Im Gegenteil.

Im fertigen Habitat soll man möglichst wenig davon sehen.

Die Technik soll im Hintergrund dafür sorgen, dass Licht, Feuchtigkeit, Luft, Boden und später auch Temperatur möglichst plausibel zusammenspielen.

Und vorne soll es aussehen wie ein Stück Lebensraum.

Nicht wie die Rückseite eines Serverracks.

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Vier Bewohner – vier völlig unterschiedliche Vorstellungen von Hausordnung

Natürlich könnte ich jetzt einfach schreiben: „Vier Helix pomatia ziehen später ein.“

Das würde den tatsächlichen Verhältnissen allerdings nur sehr unzureichend gerecht.

Denn wer längere Zeit Schnecken beobachtet, weiß irgendwann:

Die sehen nicht nur unterschiedlich aus.

Die sind auch unterschiedlich.

Sehr.

Tiny – vom Winzling zum Räumkommando

Tiny war einmal der Kleinste.

Das hat er inzwischen offenbar als persönlichen Affront aufgefasst.

Mittlerweile bringt er ungefähr 34 bis 35 Gramm auf die Waage, kommt ausgestreckt auf über zwölf Zentimeter Körperlänge und trägt ein Gehäuse spazieren, das inzwischen deutlich größer ist als das seiner Mutter Mom-snail.

Tiny sieht sich außerdem offenbar zu Höherem berufen.

Hausmeister.

Geländekontrolleur.

Und vor allem:

Lebensmittelentsorgungsfachkraft.

Wenn ich ein Salatblatt irgendwo hinlege, betrachtet Tiny das nicht als Fütterung.

Er betrachtet es als Unordnung.

Und Unordnung muss weg.

Die anderen können sich noch auf den Weg machen, während Tiny bereits fachgerecht aufräumt.

In den Magen.

Danach sitzt er da, schaut mich mit seinen Augen an und vermittelt ziemlich eindeutig:

„Ja? Und? Das war jetzt der erste Gang, oder?“

Ich mache mir um überwuchernde Salatbestände jedenfalls keine Sorgen.

Sollten Omas Salate irgendwann versuchen, eine deutsche Großstadt zu überwuchern, schicke ich Tiny.

Das Problem dürfte sich binnen weniger Tage erledigt haben.

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LauYouChe – der alte Krieger des Mondes

Dann ist da LauYouChe, der alte Krieger des Mondes.

Bei ihm passt der Name.

Sein Gehäuse erzählt Geschichten.

Es ist an mehreren Stellen beschädigt worden, repariert, weitergetragen und hat Dinge erlebt, bei denen man sich manchmal fragt, was dieses Tier schon alles hinter sich hat.

Und trotzdem ist er da.

Wieder ein Frühling.

Wieder ein Sommer.

Und hoffentlich bald wieder ein Winter, den er sich ordentlich verschlafen darf.

Er gehört für mich zu diesen Tieren, bei denen man irgendwann nicht mehr zuerst das Alter oder die Schäden sieht, sondern einfach denkt:

Was für ein zäher alter Kerl.

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Bayoun – die weiße Wolke

Bayoun, die weiße Wolke, bewegt sich dazwischen mit ihrer ganz eigenen Art.

Wobei „Wolke“ bei Weinbergschnecken natürlich relativ zu verstehen ist.

Meteorologisch betrachtet wäre das eher eine sehr langsame Wolke mit Haus.

Aber auch Bayoun hat gemeinsam mit den anderen in diesem Jahr einen erheblichen Beitrag dazu geleistet, dass ich mir um das unmittelbare Aussterben von Helix pomatia zumindest in meiner Wohnung keine großen Sorgen mehr machen muss.

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Und dann ist da die Queen

Mom-snail, Mama, die Queen, hatte dagegen kein leichtes Jahr.

Der letzte Winter war für sie offensichtlich anstrengend. Sie hat sehr lange geschlafen, kam schwerer zurück und war deutlich länger damit beschäftigt, wieder richtig in Gang zu kommen.

Oder, schneckengerecht gesagt:

wieder auf das Bein.

Während die anderen drei teilweise in einer Energie unterwegs waren, bei der man glauben konnte, sie hätten persönliche Verantwortung für die Arterhaltung übernommen, war Mama wesentlich zurückhaltender.

Sie bekommt deshalb natürlich ein besonderes Auge.

Nicht weil ich sie in Watte packen möchte.

Aber weil vier Tiere eben nicht automatisch vier identische Tiere sind.

Und auch das gehört für mich zu Tierwohl:

Nicht nur Werte messen.

Sondern Tiere beobachten.

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Über tausend Eier – und ich werde zur Henne

Die drei anderen haben das ruhigere Jahr der Queen übrigens mehr als kompensiert.

Seit März kamen von drei der vier Schnecken zusammengenommen über tausend Eier.

Über.

Tausend.

Irgendwann hört man auf, Eier zu zählen, und beginnt über die Anschaffung eines kleinen Namensschildes nachzudenken:

Brutstation Reimann – Leitung: überforderte Henne ohne Federn.

Während die erwachsenen Herrschaften sich langsam anschicken, über ihren wohlverdienten Winterschlaf nachzudenken, habe ich jedenfalls keine Sorge, dass mir langweilig wird.

Die schlafen.

Ich brüte.

Sehr faire Arbeitsteilung.

Immerhin läuft die Nachwuchsaufzucht bisher ausgesprochen erfreulich.

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Und was wünschen Schnecken im Winterhotel?

Das war die eigentliche Frage beim Bau von Habitat W.

Ich kann die Tiere schließlich schlecht einzeln zum Architektengespräch laden.

„Tiny, bevorzugen Sie eine bodennahe Schlafmulde oder darf es eine freischwingende Moosterrasse sein?“

Tiny würde vermutlich antworten:

„Salat.“

Also musste ich andere Möglichkeiten anbieten.

Und genau das ist das Prinzip des gesamten Innenraums:

Nicht festlegen, wie eine Schnecke ihren Winter verbringen soll. Sondern Möglichkeiten schaffen.

Wer sich tief eingraben möchte: bitte.

Wer sich irgendwo anheften möchte: bitte.

Wer unter einer Terrasse hängen möchte: bitte.

Wer beschließt, an der vermutlich völlig falschen Stelle zu schlafen, die ich bei der Planung überhaupt nicht vorgesehen hatte:

Selbstverständlich.

Es handelt sich schließlich um Schnecken.

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Die Tunnelbohrmaschine darf angeworfen werden

Der Boden von Habitat W ist deshalb absichtlich tiefer, weich und fluffig aufgebaut.

Nicht nur ein bisschen Erde als Dekoration.

Wer im Herbst der Meinung ist, er müsse seine persönliche Tunnelvortriebsmaschine anwerfen und sich möglichst tief einbuddeln, soll dafür genug Material finden.

Schnecken können erstaunlich ernsthaft graben.

Und wenn so ein Tier beschlossen hat, dass es jetzt unter die Erde will, dann hilft auch kein schön gestaltetes Architektenkonzept.

Dann wird gebaggert.

Also bitte schön:

Boden ist da.

Reichlich.

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Free Climbing ohne Versicherung

Seit ein paar Tagen gibt es außerdem eine größere Korkwand.

Ich nenne sie inzwischen die Free-Climbing-Wand.

Klettern ohne Seil, ohne Helm und ohne Sicherung.

Der große Vorteil bei Schnecken:

Die Berufsgenossenschaft bleibt relativ entspannt.

Denn selbst wenn jemand meint, unbedingt an der unmöglichsten Stelle herumturnen zu müssen, sind die Fallhöhen gering.

Wobei „fallen“ bei einer Schnecke ohnehin ein sehr großzügig ausgelegter Begriff ist.

Meistens kleben sie einfach irgendwo.

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Die freischwingende Moosterrasse

Zusätzlich kam noch eine freischwingende Terrasse hinein.

Mit Moos.

Warum?

Weil man darauf liegen kann.

Weil man darunter hängen kann.

Weil man sich seitlich anheften kann.

Und weil ich persönlich finde, dass ein Fünf-Sterne-Winterhotel eine moosbewachsene Dachterrasse braucht.

Sonst wären es höchstens viereinhalb Sterne.

Auch hier gilt wieder:

Ich habe keine Ahnung, ob die Schnecken die Terrasse so benutzen werden, wie ich mir das vorgestellt habe.

Das wäre auch fast schon enttäuschend.

Erfahrungsgemäß findet mindestens eine von ihnen anschließend eine winzige Schraubenkante interessanter als die komplette luxuriöse Liegefläche.

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Heute eingezogen: Löwenzahn-Familien

Heute kam der letzte größere Pflanzenbesatz hinein.

Zwei verschiedene Gruppen junger Löwenzahnpflanzen, die ich außerhalb bereits vorgezogen und bewurzelt hatte.

Dazu frische Kleeaussaat.

Momentan wohnen noch keine Schnecken darin. Das ist praktisch, weil ich den Boden während der Anwachsphase sehr feucht halten kann.

Jetzt dürfen also erst einmal die Pflanzen arbeiten.

Wurzeln bilden.

Klee keimen lassen.

Moos einleben lassen.

Alles schön weich machen.

Ein riesiges biologisches Sofabett.

Und alles, was dort wächst, wurde nicht versehentlich in Reichweite hungriger Weinbergschnecken gepflanzt.

Es ist ausdrücklich Teil des Systems.

Es darf angeknabbert werden.

Es darf vernichtet werden.

Es darf umdekoriert werden.

Ich werde lediglich versuchen, emotional damit klarzukommen.

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In ungefähr vier Wochen entscheidet nicht der Kalender

Wann der Umzug stattfindet, wird nicht einfach ein Datum bestimmen.

Ich beobachte die Tiere.

Schon jetzt scheint sich die Aktivität etwas zu verändern.

Wenn sie in ungefähr vier Wochen noch deutlicher signalisieren, dass Schlafen langsam interessanter wird als der übliche Tagesbetrieb, dann wird es Zeit.

Dann ziehen sie um.

Und dann beginnt eigentlich erst der spannende Teil:

Nehmen sie das Habitat an?

Graben sie?

Hängen sie?

Suchen sie sich geschützte Stellen?

Wie verändert sich die Aktivität mit kürzer werdendem Licht und sinkender Temperatur?

Genau deshalb wollte ich Habitat W überhaupt bauen.

Nicht um den Tieren einen künstlichen Knopf mit der Aufschrift WINTER EIN zu drücken.

Sondern um einen möglichst sanften Übergang anzubieten.

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Und jetzt zur Technik – für alle, die bis hierher durchgehalten haben

Jetzt darf der Techniker kurz raus.

Aber nur kurz.

Denn hinter diesem kleinen Winterhabitat steckt inzwischen tatsächlich einiges.

Das Absurde daran:

Vor ungefähr acht Monaten hatte ich von C++ praktisch keine Ahnung.

Von Mikrocontroller-Programmierung auch nicht.

Und Elektronik war ebenfalls kein Gebiet, in dem ich morgens aufstand und dachte:

„Heute baue ich mal einen I²C-Bus.“

Das hat sich geringfügig verändert.

Inzwischen entstehen eigene Steuerprogramme, vernetzte Mikrocontroller, Sensorbaugruppen, Kennlinien, Regelungen und grafische Benutzeroberflächen.

Nicht weil ich unbedingt Elektroniker werden wollte.

Sondern weil ich irgendwann festgestellt habe:

Wenn ich eine sehr spezielle Lösung für meine Schnecken haben möchte, muss ich sie wohl selbst bauen.

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Ein Jahr Wetter in einer kleinen Kiste

Das Lichtprogramm von Habitat W ist zum Beispiel keine einfache Zeitschaltuhr.

Das System weiß, wo es geografisch steht.

Aus diesen Geodaten wird berechnet, wann an unserem Standort im Verlauf des Jahres die Sonne auf- und untergeht.

Dadurch werden die Tage im Herbst tatsächlich nach und nach kürzer.

Nicht monatlich mit einem Schalter.

Sondern fortlaufend.

Die Tageslänge verändert sich entsprechend Jahreszeit, Monat und letztlich sogar von Woche zu Woche.

Die Schnecken bekommen also nicht im Dezember dieselben zwölf Stunden Kunsttag wie im Juni.

Das wäre zwar einfach.

Aber Natur ist nicht einfach.

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Und dann gibt es noch das künstliche Wettergedächtnis

Zusätzlich steckt im System eine Wettergrundlage, die aus mehreren Jahren regionaler Rohdaten zusammengezogen wurde.

Vereinfacht gesagt:

Wie hell ist diese Jahreszeit normalerweise?

Wie häufig war es eher trüb?

Wann gab es hellere Phasen?

Wie verändert sich die typische Lichtintensität über das Jahr?

Aus mehreren Jahren wurde dafür ein repräsentatives Jahr gebaut.

Das heißt nicht, dass Habitat W exakt weiß, ob draußen gerade um 14:37 Uhr eine Wolke über Nachbars Garage zieht.

Aber es bekommt eine saisonal plausible Grundstruktur.

Zusammen mit der astronomischen Tageslänge entsteht dadurch ein Lichtprogramm, das sich ständig ein wenig verändert.

Fast jeder Tag ist ein bisschen anders.

So wie draußen.

Nur Regen kann die Kiste bislang noch nicht selbst.

Da muss der Hausmeister persönlich mit Wasser ran.

Und ich glaube, das darf auch so bleiben.

Irgendwo muss meine Arbeitsplatzbeschreibung schließlich noch eine Aufgabe enthalten.

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Wenn echte Sonne kommt, hält sich die künstliche zurück

Zusätzlich misst ein Lichtsensor, wie hell es tatsächlich am Standort ist.

Kommt durch das Fenster ausreichend natürliches Licht herein, fährt das Kunstlicht langsam zurück.

Warum künstlich volle Leistung erzeugen, wenn die Sonne die Arbeit kostenlos übernimmt?

Das spart Energie und verhindert unnötigen Wärmeeintrag.

Wichtig war mir dabei, dass das nicht hektisch passiert.

Keine Wolke darf dazu führen, dass Habitat W plötzlich glaubt, es befinde sich in einer Diskothek.

Die Regelung reagiert deshalb gedämpft und langsam.

Es war ein längerer Weg dahin.

Denn natürlich sieht der Lichtsensor auch das eigene Habitatlicht.

Eine Lichtsteuerung, die ihr eigenes Licht misst und darauf wieder ihr eigenes Licht verändert, kann durchaus anfangen, mit sich selbst zu streiten.

Das tat sie auch.

Inzwischen haben wir das Verhältnis geklärt.

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Die Puffbeleuchtung

Optisch gibt es allerdings Momente, in denen ich die wissenschaftliche Erklärung kurz beiseiteschieben muss.

Das Pflanzenlicht enthält natürlich unterschiedliche Spektren.

Und wenn Rot und Blau entsprechend gemeinsam unterwegs sind, kann das Ergebnis durchaus aussehen, als hätte irgendwo jemand ein sehr kleines Etablissement mit fragwürdigem Geschäftsmodell eröffnet.

Also:

wissenschaftlich korrektes Pflanzenlicht.

Optisch gelegentlich:

Puffbeleuchtung für Weinbergschnecken.

Ich hoffe, das Forum verzeiht mir die Fachterminologie.

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Boden, Wasser, Luft – alles bekommt Augen

Neben dem Licht beobachtet Habitat W auch seine Umwelt.

Es gibt Messungen für Boden beziehungsweise Wasser, dazu Temperatur, Luftfeuchtigkeit und CO₂.

Die Werte sollen aber nicht nur auf einem Display hübsch aussehen.

Ein Teil der Elektronik arbeitet deshalb lokal und selbstständig.

Das ist mir inzwischen sehr wichtig geworden.

Nicht ein riesiger Zentralcomputer, von dem alles abhängt.

Sondern mehrere austauschbare Baugruppen mit eigenen Aufgaben.

Fällt irgendwann ein Teil aus oder braucht eine Revision, soll man möglichst genau diesen Teil anfassen können.

Nicht wieder das gesamte Habitat zerlegen.

Diese Lektion haben mir einige Monate Habitatbau ziemlich deutlich beigebracht.

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Ein Luxuslüfter, damit niemand aus dem Bett vibriert

Für die kontrollierte Luftbewegung sitzt ein Noctua-Lüfter im System.

Und ja, natürlich hätte ein gewöhnlicher Lüfter vermutlich auch Luft bewegt.

Aber dieser wird mit etwa 25 Kilohertz angesteuert.

Sehr leise.

Keine nervigen PWM-Geräusche.

Möglichst wenig Vibration.

Denn wenn ich schon monatelang eine Winterresidenz für Schnecken baue, werde ich ihnen am Ende nicht einen brummenden Billigpropeller neben das Bett hängen.

Oder anders:

Supergeiler Lüfter – nur damit Tiny nicht im Winterschlaf durchgeschüttelt wird.

Völlig normale Prioritäten.

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Und das Ganze bitte ohne explodierten Wäschetrockner

Ein weiteres Ziel war der modulare Aufbau.

Ich wollte keine typische Versuchsanordnung, bei der 150 einzelne bunte Kabel in alle Richtungen laufen und man beim Öffnen denkt, ein Wäschetrockner sei während des Schleudergangs explodiert.

Versorgung und Kommunikation wurden deshalb möglichst sauber zusammengefasst.

Baugruppen sind austauschbar.

Laststrom läuft nicht durch die kleinen Controller.

Die sichtbare Technik ist weitgehend versteckt.

Und mechanisch habe ich irgendwann Dinge miteinander verbunden, bei denen einem Fachmann wahrscheinlich spontan das Klebstoffregal aus der Hand fällt.

PP.

Plexiglas beziehungsweise PMMA.

Unterschiedliche Kunststoffe.

Wo Kleben keine gute Idee mehr war, wurde eben konstruiert und geschraubt.

Teilweise mit Mikroschrauben, bei denen ungefähr ein Millimeter schon zu den größeren Vertretern gehört.

Ich besitze inzwischen Schrauben, die man beim Niesen wahrscheinlich amtlich als vermisst melden muss.

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Display: vom Maschinenraum zum Wohnzimmer

Eine schöne Entwicklung ist auch das Display.

Davon werde ich zwei Bilder zeigen, weil man es kaum besser erklären kann.

Die erste Version war klassische Mikrocontroller-Romantik:

Zahlen.

Felder.

Information.

Funktioniert.

Bitte nicht nach Design fragen.

Dann kam bessere Hardware, eine leistungsfähigere Grafikbibliothek und eine Menge Arbeit.

Heute ist daraus eine richtige grafische Benutzeroberfläche geworden.

Sauber.

Übersichtlich.

Fast schon elegant.

Und wenn man die Kunststoffteile beziehungsweise Gehäuseelemente darum betrachtet:

Nein, die sind nicht aus einem 3D-Drucker gefallen.

Die sind tatsächlich von Hand modelliert, teilweise aus Knetmasse entstanden und anschließend weiterbearbeitet worden.

Das ist vielleicht überhaupt mein Lieblingsaspekt an diesen Habitaten:

Elektronik, Software, Pflanzen, Holz, Kork, Plexiglas, Schrauben, Handmodellierung.

Es ist kein Computerprojekt.

Es ist auch kein Terrarienprojekt.

Es ist irgendwie alles gleichzeitig.

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Das letzte Modul fehlt noch: Winter

Eine wesentliche Baugruppe ist momentan noch nicht fertiggestellt.

Und die bleibt ganz bewusst separat einkoppelbar.

Die Kühlung.

Geplant ist ein kleines eigenständiges Modul mit einem weiteren Controller, einem Peltier-Kühlelement, zwei Lüftern und Temperaturüberwachung.

Das Ziel ist ausdrücklich nicht, die Schnecken eines Morgens vom Herbst in den Kühlschrank zu teleportieren.

Die Temperatur soll über eine lange Rampe langsam sinken.

Als Zielgröße stehen ungefähr sechs Grad Celsius im Raum.

Ob die aktive Kühlung später tatsächlich den gesamten Winter gebraucht wird, ist völlig offen.

Habitat W steht ohnehin im kühlsten Raum der Wohnung.

Vielleicht muss die Technik nur zeitweise unterstützen.

Vielleicht wird sie mehr gebraucht.

Das wird die Praxis zeigen.

Und selbstverständlich wird dabei nicht einfach nur eine Temperatur heruntergeregelt. Feuchtigkeit, Luftbewegung und Temperatur hängen zusammen. Das Kühlsystem muss also mit dem vorhandenen Umweltkonzept zusammenspielen und vor allem sicher arbeiten.

Dieses Modul ist derzeit die letzte Ausbaustufe, nicht etwas, das ich schon als fertigen Winterbetrieb verkaufen möchte.

Erst bauen.

Dann testen.

Dann dürfen die Schnecken entscheiden, ob meine Theorie etwas taugt.

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Am Ende sollen sie von all dem möglichst wenig merken

Das klingt vielleicht nach einem Widerspruch:

So viel Technik – und dann sage ich, die Schnecken sollen davon möglichst wenig merken.

Aber genau das ist der Punkt.

Die Technik ist für mich dann gut, wenn sie sich zurücknimmt.

Wenn morgens langsam Licht kommt.

Wenn die Tage im Herbst kürzer werden.

Wenn natürliche Helligkeit berücksichtigt wird.

Wenn die Luft nicht steht.

Wenn der Boden so feucht ist, wie er sein sollte.

Wenn die Temperatur irgendwann langsam sinkt.

Und wenn vorne vier Schnecken sitzen, graben, klettern, fressen oder schlafen, ohne sich im Geringsten dafür zu interessieren, wie viele Mikrocontroller hinter der Wand gerade darüber diskutieren.

Das ist das Ziel.

Eine möglichst naturnahe kleine Biosphäre.

Nicht Natur ersetzen.

Aber Bedingungen schaffen, in denen natürliche Verhaltensweisen möglich bleiben.

Der eine kann sich einen halben Meter tief einbuddeln wollen – gut, einen halben Meter habe ich nicht, aber die Tunnelvortriebsmaschine darf jedenfalls anlaufen.

Der nächste hängt unter der Terrasse.

Der dritte klebt an der Korkwand.

Und Tiny liegt vermutlich mitten im Löwenzahn und hat die Innenbegrünung bereits zur persönlichen Speisekarte erklärt.

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Bald gehört das Hotel seinen Besitzern

Jetzt bleibt Habitat W zunächst noch einige Zeit leer.

Löwenzahn darf wurzeln.

Klee darf keimen.

Moos darf anwachsen.

Ich darf noch die letzten Arbeiten erledigen.

Und wenn meine vier Bewohner in einigen Wochen deutlich sagen:

„Chef, wir machen jetzt langsam Feierabend für dieses Jahr“,

dann wird umgezogen.

Wobei „Chef“ natürlich falsch ist.

Wie gesagt:

Ich bin nur der Architekt.

Die Besitzer heißen Tiny, LauYouChe, Bayoun und Mom-snail.

Bislang habe ich von ihnen übrigens noch kein einziges schriftliches Beschwerdeschreiben bekommen.

Ich werte das als hervorragende Kundenbewertung.

Ob sie mir für Habitat W fünf Sterne geben, werden wir sehen.

Tiny vermutlich nur dann, wenn die Sterne aus Salat bestehen.

Ich werde auf jeden Fall weiter berichten und natürlich Bilder vom Aufbau, der Kletterwand, der Moosterrasse, der Bepflanzung, der Elektronik und dem Display vorher/nachher zeigen.

Und wer Fragen zu einzelnen Ideen hat – egal ob Pflanzen, Aufbau, Sensoren, Licht, Klima oder Elektronik – darf gerne fragen.

Ich teile das nicht, weil daraus irgendein Produkt werden soll.

Sondern weil ich finde, dass gerade bei solchen Projekten der Austausch das Spannende ist.

Vielleicht nimmt jemand eine Idee für sein eigenes Terrarium mit.

Vielleicht sagt jemand: „Das würde ich ganz anders machen.“

Auch gut.

Vielleicht lernen wir voneinander.

Und vielleicht sitzen irgendwo ein paar Weinbergschnecken, die nächstes Jahr ebenfalls eine Moosterrasse bekommen.

Dann hätte sich der ganze Wahnsinn doch schon gelohnt.

Anbei noch einige Bilder – vom ersten 3D-Rendering und Entwurf bis hin zur Realität.

Ich finde, die Wirklichkeit ist den ursprünglichen Vorstellungen erstaunlich nahegekommen. Jetzt darf das Ganze erst einmal weiter einwachsen, Wurzeln schlagen und auf seine künftigen Gäste warten.

Nur die Kühlanlage fehlt noch. Die hat sich durch verspätet eintreffendes Material etwas nach hinten verschoben und wird nachgereicht.

Bis dahin bleibt Habitat W also schon einmal bezugsfertig – nur die hauseigene Winterabteilung steckt noch im Lieferverzug.
captain
 
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